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Dynamik der Familienform „alleinerziehend“

Hinter dem Begriff „alleinerziehend“ verbirgt sich nicht nur eine große Vielfalt von familiären Lebenssituationen, sondern eine dynamische Lebensform. Diese Dynamik ist lässt sich unter anderem durch verschiedene Phasen des Alleinerziehens charakterisieren, die häufig sehr kurz sein können und innerhalb von drei Jahren wieder in eine neue Partnerschaft münden, in rund jedem zweiten Fall jedoch mehr als sieben Jahre dauern und oft erst mit dem Erwachsenwerden der Kinder enden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie zur „Dynamik der Familienform ‚alleinerziehend‘“, die Frau Prof. Notburga Ott im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erstellt hat.

Häufig wird über die Alleinerziehenden wie über eine homogene Gruppe gesprochen, deren Mitglieder je nach Alter der Kinder mit vergleichbaren Problemen konfrontiert sind. Über die Unterschiedlichkeit von Einelternfamilien und die Dynamik der Familienform ist bisher noch wenig bekannt. Vor diesem Hintergrund untersuchte die hier vorgestellte Studie sowohl Bestimmungsgründe für Beginn, Ende und Dauer von Alleinerziehendenphasen als auch die sozio-ökonomische Situation im Verlauf solcher Phasen. Mit besonderer Aufmerksamkeit widmete sich die Untersuchung dabei einzelnen Aspekten der Arbeitsmarktpartizipation und der Sozialleistungsabhängigkeit alleinerziehender Frauen.

Datenbasis der Untersuchung war das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), das genau 1.703 Frauen ausweist, die im Zeitraum von 1984 bis 2009 mindestens einmal alleinerziehend waren. Hochgerechnet entspricht dies einer Anzahl von gut 6,5 Millionen Frauen. Im Zeitverlauf lässt sich ein Anstieg der Alleinerziehenden vor allem in den 1990er Jahren verzeichnen. Seit der Jahrtausendwende stabilisiert sich allerdings die Betroffenheit bei etwa 300.000 neu beginnenden Alleinerziehendenphasen pro Jahr. Der Anstieg war vor allem in der Mittelschicht zu verzeichnen und durch eine Zunahme von Trennungen verursacht. Waren seit den 1980er Jahren vor allem Familien mit jüngeren Kindern betroffen, so nehmen seit Mitte der 1990er Jahre die späteren Trennungen mit älteren Kindern zu.

Ein Großteil der Alleinerziehendenphasen dauert nicht sehr lange, jede fünfte ist kürzer als zwei Jahre und jede vierte kürzer als drei Jahre. In vier Prozent aller Fälle findet die alte Partnerschaft wieder zusammen. Ledige und verwitwete Frauen ziehen deutlich seltener mit einem neuen Partner zusammen als Frauen mit gescheiterten Beziehungen, ebenso Frauen mit mehreren Kindern. Sind Frauen in Vollzeit erwerbstätig, erhöht sich für sie die Wahrscheinlichkeit, mit einem neuen Partner einen gemeinsamen Haushalt zu begründen. Die Wahrscheinlichkeit sinkt hingegen, wenn im Haushalt der Alleinerziehenden mehrere Kinder leben, der Haushalt ein höheres Einkommen oder Grundsicherungsleistungen bezieht.

Etwa die Hälfte aller Alleinerziehendenphasen dauert länger als sieben Jahre, mehr als ein Drittel sogar länger als zehn Jahre. Diese langen Phasen des Alleinerziehens enden deutlich seltener mit einer neuen Partnerschaft, sondern überwiegend durch das Erwachsenwerden der Kinder. Bei den langen Dauern findet sich auch ein Großteil der Frauen, die ohne Partner sind und durch eine Geburt alleinerziehend werden. Hierbei handelt es sich möglicherweise um eine gezielte Entscheidung für eine alleinige Elternschaft. Insgesamt trifft dies jedoch im zeitlichen Verlauf konstant für maximal vier Prozent der Alleinerziehenden zu.

Beginnt eine Phase des Alleinerziehens, führt das mit Blick auf den Erwerbsverlauf zu unterschiedlichen Effekten. Zunächst verändert sich die Situation stark dadurch, dass Frauen die alleinige Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Vor allem bei Vollzeiterwerbstätigen kommt es häufig zu einer Unterbrechung der Erwerbstätigkeit. Auch jede zweite Frauen in Ausbildung bricht diese ab. Umgekehrt nehmen von den zuvor Nichterwerbstätigen immerhin 20 Prozent sofort eine Erwerbstätigkeit auf. Im weiteren Verlauf der Alleinerziehens nimmt die Erwerbsbeteiligung durch Aufnahme oder Ausdehnung der Erwerbstätigkeit deutlich zu. Allerdings sind die Erwerbsverläufe von etwa zwei Fünfteln der Alleinerziehenden durch Instabilität mit einem hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigung und mehrfachen Wechseln in Nichterwerbstätigkeit, Vollzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung gekennzeichnet.

Die übrigen Frauen zeigen stabile Verläufe, die überwiegend an die Erwerbsbiographie zuvor anknüpfen. Vor allem junge ledige Alleinerziehende und Frauen mit Kindern bis zu drei Jahren oder mit drei und mehr Kindern sind nahezu durchgängig nicht erwerbstätig und waren dies bereits vor der Phase des Alleinerziehens. Ein auffallend hoher Anteil dieser Alleinerziehenden ist ohne Berufsausbildung.

Frauen mit stabilen Vollerwerbsmustern haben zu Beginn der Phase des Alleinerziehens in der Regel ältere Kinder, sind häufiger geschieden und selbst älter. Die meisten dieser Frauen haben eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss und waren auch zuvor schon erwerbstätig. Auch für sie ist der Eintritt in die Alleinerziehendenphase zumeist ein Einschnitt in der Erwerbsbiographie, der aber rasch überwunden wird und in die stabile Vollzeiterwerbstätigkeit mündet.

Alleinerziehende mit stabilen Teilzeitverläufen sich vor allem Frauen mit zwei Kindern und Kindern im Vorschulalter. Diese Frauen sind häufig ebenfalls bereits selbst etwas älter, haben höhere Bildungsabschlüsse und waren zuvor schon überwiegend teilzeitbeschäftigt. Auch hier zeigen sich eher kurzfristige Einschnitte zu Beginn der Alleinerziehendenphase.

Die wichtigsten Einflussfaktoren bei der Aufnahme oder Ausweitung der Erwerbstätigkeit sind das Alter und die Anzahl der Kinder, wobei die Effekte bei der Aufnahme einer Vollzeiterwerbstätigkeit am stärksten sind. Aber auch der Bezug von Grundsicherungsleistungen senkt die Wahrscheinlichkeit, aus der Nichterwerbstätigkeit heraus eine Vollzeitbeschäftigung aufzunehmen. Zudem geben diejenigen, die erwerbstätig sind und Grundsicherungsleistungen beziehen, die Erwerbstätigkeit häufiger auf.

Auch bei der wirtschaftlichen Situation zeigen sich zu Beginn der Alleinerziehendenphase deutliche Einschnitte, die aber überwiegend im weiteren Verlauf wieder aufgeholt werden können. Allerdings müssen Frauen, die zuvor gut situiert waren, überwiegend dauerhafte Verschlechterungen hinnehmen. Von denen, die im ersten Jahr in den Armutsbereich abgerutscht sind, schafft es jede zweite Frau nicht, sich im weiteren Verlauf wieder zu verbessern. Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen mit kleineren Kindern.

Zu Beginn der Alleinerziehendenphase sind vor allem Frauen mit kleinen Kindern im Grundsicherungsbezug. Knapp die Hälfte davon schafft es innerhalb der ersten drei Jahre, nicht mehr auf Grundleistungen angewiesen zu sein. Sind die Kinder älter, beziehen deutlich weniger Frauen Grundleistungen, allerdings verharrt davon ein erheblich größerer Anteil länger.